Heute schon auseinandergesetzt? Oder auch: Literaturfans auf kreativem Entdeckerkurs.

Gibt es eine Generation der Leseratten und Textfans post Harry Potter? Die Antwort ist klar und deutlich: „Ja“. Das beweisen nicht nur, aber nun einmal deutlich und les-bar, die Schüler des Literaturkurses des Wieland-Gymnasiums in Biberach.

Das Fächerangebot der gymnasialen Kursstufe in Baden-Württemberg gliedert sich in einen Pflichtbereich und einen Wahlbereich. Der Literaturkurs des Wieland-Gymnasiums Biberach ist einer der 2-stündigen Kurse aus dem Wahlbereich der Kursstufe, in welchem interessierte Schülerinnen und Schüler Zugang zu  Literatur und Texten auf verschiedenen Wegen bekommen können. Schüler, die hier teilnehmen, sind grundsätzlich an Literatur interessiert und somit als 'naiver' Leser oft schon sehr belesen. In diesem Kurs soll daher ein Schritt weiter gegangen werden und ein tieferes Verständnis für Texte verschiedener Art geschaffen werden. Unter anderem soll die Motivation eines Autors, etwas ausdrücken zu wollen, auf verschiedene und mitunter kreative Art und Weise, nachempfunden werden.

In diesem Kurs steht somit  neben dem Aneignen auch das Schaffen an vorderer Stelle. Durch das Erstellen und Darstellen von Texten, aber auch durch Einsichten in den Schaffensprozess der Autoren sowie Einblicke hinter die Kulissen der Literaturszene, soll die Sensibilität für Texte, aber auch für Autoren sowie letztlich für den Leser, geschärft werden.

Im Grunde genommen schleckt sich jeder Lehrer die Finger nach einem Kurs wie diesem, denn es wird engagiert, kritisch, mit viel Lachen und dabei doch nie ohne Hintergrund und Wissen gearbeitet. Warum? Das Rezept liegt neben dem großen Interesse der Schüler unter anderem in der Wirkung der geschaffenen Werke.

Arbeiten einen Wert beimessen zu können, der nicht nur durch die Institution Schule geschaffen wird, schafft Anreiz.  Stellt man Werke beispielsweise für ein größeres Publikum aus, wie Ende letzten Jahres innerhalb des Schulgebäudes geschehen, so ist man plötzlich selbst verantwortlich für Dinge, die nicht nur ein Lehrer oder eine Lehrerin bewertet.  Die nicht nur ein Lehrer oder eine Lehrerin verlangt. Die Schülerinnen und Schüler des Literaturkurses haben erkannt, wie sehr sie selbst schaffen dürfen, können und auch wollen. Die Resonanz war und ist sehr positiv. Die Werke, die sie produzieren, sind ‚auf ihrem Mist gewachsen’ und- toll.

Schreiben bedeutet, sich mit etwas auseinanderzusetzen. Einen solchen Anlass, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, hat Andy Reiner mit seinem Fotoprojekt „Zusammen neue Wege beschreiten“ gegeben, indem er genau das getan hat und in anderen Projekten konsequent tut: Er setzt sich auseinander mit Themen, die so simpel und eben möglicherweise genau daher so selten bedacht, im Falle von Menschen mit Behinderung sogar gerne verdrängt werden. Er schaut also hin, indem er seine Kamera als Auge darauf richtet.

Das aktuelle Projekt wirft die Frage auf: „Was hat das mit mir zu tun?“ und so haben die Schüler angeschaut, hinterfragt, befragt. Und zwar genau die drei großen ‚Gruppen’ von Beteiligten, die für diese Ausstellungssituation relevant sind. Den Initiator Andy Reiner, die Beteiligten  als Schaffende (die Fotografen und Models) und die Beteiligten als Personen, die  sich die Ausstellung angeschaut haben. Sie selbst.

Ob die entstandenen Texte hier als literarisch ‚hochwertig’ anzusehen sind, war hier nicht von Interesse und ist –mit Verlaub- wurscht. Wichtig ist, dass wir hier einmal mehr sehen, dass es eine Gruppe Jugendlicher gibt, die sich aktiv und mit authentischem Interesse mit ihrer Welt und den Menschen darin auseinandersetzen.  Die Texte sind vielfältig und interessant geworden. Sie berühren zudem. Sprache haben die Schülerinnen und Schüler dabei erfahren. Sowohl als Werkzeug als auch als Zugangsmedium, um ein Thema zu einem der ihren zu machen, indem sie es be-schreiben. 

Julia Maier, Wieland-Gymnasium Biberach an der Riß

Link zu den Texten:

"Was ist der Mensch?" 
Überlegungen 
(Tim Hardock) 

"Ich bleib auf dem Boden der Tatsachen" 
eine Reportage über Helmut und andere Akteure. 
(Jessica Christian, Anne Hiller und Sarah Theobald)
"Der Mann hinter den Bildern". 
Ein Text über Andreas Reiner und seine Arbeit. 
(Zaira Ferro, Hannelore Mutter, Lena Redemann)
"Interview mit Andreas Reiner". 
(Nina Reich und Christiane Straub)
"Eine normale Ausstellung oder doch viel mehr?" 
Überlegungen einer Besucherin  
(Kerstin Barth)
"Was Bilder bewirken können" 
Überlegungen einer Besucherin II
(Friederike Pfänder)
"Vorurteilsfrei, oder doch nur tolerant?" 
Überlegungen einer Besucherin III 
(Johanna Schick)

"Ein Mensch" 
Überlegungen. Ein Fazit? 
(Lena Fakler)